Die wahre Brüderlichkeit

Die wahre Brüderlichkeit

Allerdings besteht die Brüderlichkeit (…) nicht in der kalten Gleichgültigkeit gegen die religiösen Überzeugungen anderer, wie der Liberalismus will; und noch weniger besteht sie in der Gleichgültigkeit gegen irreligiöse Gewissenslosigkeit und im Hasse gegen jede solide und entschiedene religiöse Überzeugung, wie die Brüderlichkeit der Freimaurer und der Liberalen in der Praxis sich darstellt. Sie setzt vielmehr voraus oder erstrebt doch ihrem Wesen nach die Einheit der religiösen Überzeugung, die Einheit in der Wahrheit. Aber gerade hierdurch offenbart sie sich als die wahre Brüderlichkeit, da es nicht gleichgültig sein kann, ob die Brüder außerhalb des väterlichen Hauses in der Fremde umher irren, ihren Adel leichtsinnig verscherzen, des väterlichen Erbes verlustig werden und zeitlich und ewig zu Grunde gehen; und eben daraus zieht die christliche Bruderliebe ihre himmlische Kraft und ihre unerschütterliche Festigkeit, daß der sichtbare Vater der Gottesfamilie auf Erden zugleich der unwandelbare Träger der himmlischen Wahrheit ist und die Macht wie den Beruf hat, alle Menschen in der Wahrheit und durch die Wahrheit um sich zu vereinigen. Diese auf Wahrheit gegründete und nach Einheit in der Wahrheit strebende, wahrhaft „katholische“ Brüderlichkeit muß heutzutage gerade deshalb um so mehr hervor gehoben werden, weil der Liberalismus unter dem Namen der Brüderlichkeit darauf ausgeht, die Menschen der Einheit in der Wahrheit zu berauben, durch die Begünstigung der Freiheit des Irrtums die Geister und Herzen einander zu entfremden und sie nur in der Negation und im Nihilismus einig sein zu lassen. Die Einheit in der Negation ist aber die Einheit in der Hölle; wo diese Art von Gemeinsamkeit zur konsequenten Durchbildung gelangt, wie in der Pariser Commune, da macht sie aus der Erde ein Abbild jenes Ortes, ubi nullus ordo, sed sempiternus horro inhabitat (wo keine Ordnung, sondern ewiges Grauen wohnt).

aus: Matthias J. Scheeben, Das ökumenische Concil vom Jahre 1869, Dritter Band, 1871, S. 436