Wird der Antichrist eine Religion haben

Der Antichrist

Wird der Antichrist irgendeine Religion haben?

Weiter wollen wir fragen: Wird der Antichrist überhaupt irgend eine Art von Religion haben? Weder den wahren Gott noch falsche Götter wird er verehren: soviel ist klar, und doch noch etwas mehr, etwas Dunkles wird uns erzählt. In der Tat, die prophetische Berichte scheinen, soweit sie reichen, miteinander unvereinbar zu sein. Der Antichrist soll „sich erheben über alles, was Gott genannt und verehrt wird“. Er wird sich mit Gewalt gegen Götzen und Götzendienst stellen, wie die frühen Schriftsteller einmütig erklären. Jedoch im Buch Daniel lesen wir: „An des Statt wird er den Gott der Gewalt ehren, denn er wird einen Gott, davon seine Väter nichts gewußt haben, ehren mit Gold, Silber, Edelsteinen und Kleinodien. So wird er tun in all seinen Festungen mit einem seltsamen Gott, den er erwählt hat und dem er große Ehre erweist“ (Dan. 11, 38f).

Was wird unter den übersetzten Worten „Gott der Gewalt“ und nachher unter „ein seltsamer Gott“ verstanden? Das ist uns völlig verborgen, und wahrscheinlich wird es so bleiben bis zum Ausgang; aber irgendwie ist sicherlich eine Art von falscher Verehrung als das Merkmal des Antichrist voraus gesagt, zusammen mit der entgegen gesetzten Voraussage, dass er sich gegen alle Götzen setzen wird ebenso wie gegen den wahren Gott. Nun ist es durchaus nichts Außerordentliches, dass ein solcher Widerspruch in der Prophezeiung sein kann, denn wir wissen allgemein, dass Unglaube zu Aberglauben führt und dass die in ihren Gotteslästerungen rücksichtslosesten Menschen Feiglinge sind gegenüber der unsichtbaren Welt. Sie können nicht konsequent sein, auch wenn sie wollten. Aber man lasse mich hier auf eine bemerkenswerte Übereinstimmung hinweisen, die in der Geschichte jenes Typus oder Schattens der letzten Apostasie enthalten ist, der vor fünfzig oder sechzig Jahren die Welt in Schrecken setzte, eine Übereinstimmung zwischen wirklichen Ereignissen und Prophezeiung, hinreichend, um zu zeigen, dass der scheinbare Widerspruch in der letzteren leicht sich lösen läßt, wenn wir auch im vornhinein nicht zu sagen vermögen, wie; hinreichend, um uns zu erinnern, dass das überall wachende Auge und die alles ordnende Hand Gottes noch über der Welt ist und dass die Saaten, gesät in Prophezeiungen vor über zweitausend Jahren, nicht gestorben sind, sondern von Zeit zu Zeit, in Halm und zartem Schößling, Anwartschaft geben auf einen künftigen Herbst. Sicherlich ist die Welt getränkt mit den Elementen abnormer Übel, welche hin und wieder, in ungesunden Zeiten, finstere und grollende Zeichen des kommenden Zorns geben!

In jener großen und ruhmreichen Nation uns gegenüber, einstmals groß aus ihrer Liebe zur Kirche Christi, seither bemerkenswert um ihrer gotteslästerlichen Taten willen, die mich hier dazu veranlassen, sie zu erwähnen, sie, die heute, da sie bemitleidet und für sie gebetet werden sollte, leider in mehr als einer Hinsicht zum Muster für uns aufgestellt wird, nachgeahmt, wo sie verurteilt werden sollte – in der Hauptstadt jener machtvollen und gefeierten Nation fand, wie wir alle wissen, innerhalb der letzten fünfzig Jahre eine offene Apostasie vom Christentum statt; und nicht vom Christentum allein, sondern von jeder Art von Gottesdienst, die irgendwie nach Maßgabe der großen Wahrheiten der Religion diesen Namen verdient. In absoluter Weise bekannte man sich dort zum Atheismus; und dennoch, trotz diesem, es scheint ein logischer Widerspruch zu sein, es zu sagen, trotzdem wurde eine gewisse Art von Verehrung eingeführt, und zwar, wie der Prophet es ausdrückt, „eine seltsame Verehrung“. Beachten Sie, was das war: Ich sagte, sie erklärten einerseits offenen Atheismus. Sie überredeten einen erbärmlichen Menschen, den sie der Kirche als Erzbischof aufzwangen, öffentlich hervor zu treten und zu erklären, dass es keinen Gott gebe und dass, was er bisher gelehrt habe, eine Fabel sei. Sie schrieben auf die Gräber, dass der Tod ein ewiger Schlaf sei. Sie schlossen die Kirchen, stahlen und entweihten die goldenen und silbernen Gefäße, die jenen gehörten, indem sie gleich Belsazar jene geweihten Geräte bei ihren gottlosen Gelagen gebrauchten; sie bildeten zum Spott Prozessionen, kleideten sich in priesterliche Gewänder und sangen profane Lieder. Sie hoben die göttliche Stiftung der Ehe auf und machten die Ehe zu einem bloßen bürgerlichen Vertrag, den man nach belieben eingehen und auflösen kann. Das ist aber nur ein Teil ihrer Ungeheuerlichkeiten. (siehe den Beitrag: Die gottlose französische Revolution)

Anderseits aber, nachdem sie mit aller Zurückhaltung in Bezug auf Gott und Mensch gebrochen hatten, erhoben sie diesen verworfenen Zustand selbst, in den sie sich versetzt hatten, diese ausdrückliche Leugnung der Religion oder besser reale und lebendige Gotteslästerung zu einer Art von Gott. Sie nannten ihn „Freiheit“ und verehrten sie buchstäblich als eine Gottheit. Es könnte fast unglaublich scheinen, dass Menschen, die alle Religion von sich geworfen haben, sich Mühe machen sollten, einen neuen und sinnlosen Gottesdienst eigener Erfindung, sei es aus Aberglauben, sei es zum Spott, aufzunehmen, wären nicht die Ereignisse so frisch und so notorisch. Nachdem sie unsern Herrn und Erlöser abgeschworen und Ihn blasphemisch für einen Betrüger erklärt hatten, gingen sie weiter und dekretierten in einer öffentlichen Nationalversammlung die Anbetung der Freiheit und Gleichheit als Gottheiten: und sie ordneten außerdem Feste an zu Ehren der Vernunft, des Vaterlandes, der Konstitution und derTugenden. Weiter bestimmten sie, dass Schutzgötter, sogar tote Menschen, kanonisiert, konsekriert, verehrt werden können; und sie reihten in diese Zahl einige der notorischsten und ruchlosesten Ungläubigen des letzten Jahrhunderts ein. Die Überreste der beiden Hauptsächlichsten unter diesen wurden in feierlicher Prozession in eine ihrer Kirchen gebracht und auf den heiligen Altar selber gestellt; Weihrauch wurde ihnen dargebracht, und die versammelte Menge neigte sich in Verehrung vor einem von ihnen – vor dem sterblichen Überrest eines eingefleischten Feindes Christi.

Nun erwähne ich all das nicht, als hielte ich es für die Erfüllung der Prophezeiung, noch auch hinwiederum, als müsse die kommende Erfüllung genau in dieser Weise vor sich gehen, sondern nur, um aufzuzeigen, was der Gang der Ereignisse uns in den letzten Zeiten gezeigt hat, dass es Weisen der Erfüllung heiliger Ankündigungen gibt, die auf den ersten Blick widerspruchsvoll sind; dass Menschen gegen jeden existierenden Gottesdienst sein können, ob falsch oder wahr, dennoch einen Gottesdienst ihrer eigenen Art annehmen können aus Hochmut, Mutwillen, Politik, Aberglauben, Fanatismus oder andern Gründen.

Und beachten sie weiter, dass in dem verblendeten Volk, von dem ich gesprochen habe, eine Tendenz war, die altrömische demokratische Verehrung einzuführen, wie um uns weiter zu zeigen, dass Rom, das vierte Tier in der Vision des Propheten, nicht tot ist. Sie gingen sogar so weit, die Verehrung einer seiner Gottheiten (Ceres) mit Namen wieder herzustellen, errichteten eine Statue für sie und bestimmten ein Fest zu ihren Ehren. Dieses freilich harmonierte nicht mit ihrer Erhabenheit „über alles, was Gott heißt“, aber ich erwähne dieses besondere Faktum, wie gesagt, nicht, um Licht in die Prophezeiung zu bringen, sondern um zu zeigen, dass derGeist des alten Rom nicht aus der Welt gewichen ist, wiewohl sein Name so gut wie erloschen ist.

Weiter noch, es ist verblüffend zu bemerken, dass der frühere Apostat in den ersten Zeiten, der Kaiser Julian, gleicherweise sich damit beschäftigte, das römische Heidentum wieder einzuführen. Noch weiter, beachten Sie, dass auch Antiochus, der Antichrist vor Christus, der Verfolger der Juden, ebenfalls sich dadurch auszeichnete, dass er ihnen den heidnischen Gottesdienst aufzwang, in dem er ihn sogar im Tempel einführte.

Wir wissen nicht, was kommen wird; aber dies können wir mit Sicherheit sagen: so unwahrscheinlich es ist, dass das Heidentum jemals öffentlich wieder hergestellt und für eine noch so kurze autoritativ aufgezwungen wird, und sei es auch nur für dreieinhalb Jahre – es ist dennoch weit wahrscheinlicher heute als vor fünfzig Jahren, ehe jenes Ereignis eintrat, von dem ich berichtet habe. Wer würde nicht vor dieser Periode für verrückt oder idiotisch gehalten worden sein, der eine so bedeutungsvolle Annäherung an das Heidentum gemutmaßt hätte, wie sie wirklich damals stattfand? –
aus: John Henry Newman, Der Antichrist nach der Lehre der Väter, 1951, S. 38 – S. 44