Die Kirche ohne Stellvertreter Christi

Die katholische Kirche ohne Stellvertreter Christi

Das abendländische Schisma

Das große Schisma des Westens regt in mir eine Reflexion an, die ich mir hier erlaube zu äußern. Wenn dieses Schisma nicht aufgetreten wäre, würde die Hypothese eines solchen Ereignisses vielen fantastisch erscheinen. Sie würden sagen, dass es nicht sein könnte; Gott würde nicht zulassen, dass die Kirche in eine so unglückliche Situation gerät. Häresien könnten entstehen und sich ausbreiten und schmerzhaft lange dauern, durch die Schuld und das Verderben ihrer Urheber und Untergebenen, auch in großer Not der Gläubigen, die durch die tatsächliche Verfolgung an vielen Orten, an denen die Ketzer dominierten, zunahm. Aber dass die wahre Kirche zwischen dreißig und vierzig Jahren ohne ein gründlich festgelegtes Haupt und einen Vertreter Christi auf Erden bleiben sollte, dies könnte nicht sein. Aber es ist geschehen; und wir haben keine Garantie, dass es nicht wieder so sein wird, auch wenn wir inständig auf etwas anderes hoffen mögen. Ich würde daraus schließen, dass wir nicht zu bereit sein sollten, das auszusprechen, was Gott erlaubt. Wir wissen mit absoluter Gewissheit, dass er Seine Verheißungen erfüllen wird; daß Er nichts erlauben wird, was in Abweichung von ihnen geschähe; dass Er seine Kirche aufrecht erhalten und es ihr ermöglichen wird, über alle Feinde und Schwierigkeiten zu triumphieren; dass Er jedem der Gläubigen die Gnaden geben wird, die jeder braucht, um sich für Ihn einzusetzen und die Errettung zu erreichen, wie Er es während des großen Schismas tat, das wir in Betracht gezogen haben, und bei allen Leiden und Prüfungen, die die Kirche von Anfang an durchgemacht hat. Wir können auch darauf vertrauen, dass Er viel mehr tut, als Er sich durch Seine Verheißungen gebunden hat.

Wir können mit einer jubelnden Wahrscheinlichkeit für die Zukunft Befreiung von einigen Schwierigkeiten und Unglücken erwarten, die in der Vergangenheit aufgetreten sind. Aber wir oder unsere Nachfolger in künftigen Generationen von Christen werden vielleicht noch eigenartigere Übel erleben, als bisher erlebt, sogar noch vor dem unmittelbaren Nahen jener großen Auflösung aller Dinge auf Erden, die dem Gerichtstag vorausgehen werden. Ich halte mich nicht für einen Propheten und gebe nicht vor, unglückliche Wunder zu sehen, von denen ich überhaupt keine Kenntnis habe. Ich möchte nur sagen, dass Eventualitäten in Bezug auf die Kirche, die nicht durch die göttlichen Verheißungen ausgeschlossen sind, nicht als praktisch unmöglich angesehen werden können, nur weil sie in einem sehr hohen Maße schrecklich und beunruhigend wären.

aus: Edmund J. O`Reilly SJ, The Relations of The Church To Society, Theological Essays, 1892, S. 287-288