Pflicht des Priesters ist Studium

Ein schön geschmücktes Kreuz, das mit einer Dornenkrone und einem Palmzweig geziert ist

Aus dem Pflichtenverzeichnis eines Priesters

Pflicht des Priesters ist theologisches Wissen

Die vielen theologischen und aszetischen Bücher, welche der hl. Alfons verfaßt hat, sind ein ruhmvolles Zeugnis, mit welcher Gewissenhaftigkeit er sich angestrengt hat, diese Pflicht zu erfüllen. Bei der Ordination übergibt der Bischof dem zu Weihenden das Evangelienbuch, welches das Sinnbild der gesamten Offenbarung Gottes zum Heil der Menschen ist, und bezeichnet ihn damit als beglaubigtes Mitglied des kirchlichen Lehramtes. Mit der freiwilligen Annahme dieses Buches übernimmt der junge Priester die lebenslängliche Verpflichtung, sich die Wissenschaft der göttlichen Glaubenslehren, Sittenvorschriften und Gnadenmittel mehr und mehr zu erwerben. Denn der Priester ist ja „das Licht der Welt“ (Matth. 5, 14), er muss das Evangelium des Reiches Gottes verkünden Allen, den Unwissenden,, wie den Gebildeten, gelegen und ungelegen in aller Geduld und Lehrweisheit; er muss den Kindern Milch zu trinken geben, den Erwachsenen feste Speisen vorsetzen; er muss in der Rüstung Gottes „das Werk des Evangelisten tun in den bösen Tagen, da Viele die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren Gelüsten sich Lehrer über Lehrer nehmen, welche die Ohren kitzeln und von der Wahrheit das Gehör abwenden, zu den Fabeln aber es hinwenden.“ (2. Tim. 4, 3f)

Die Irrlehrer in Wort und Schriften muss er mit den gleichen Waffen bekämpfen, durch Wort und Schrift widerlegen. Mit feierlichem Ernst spricht der Prophet: „An euch ergeht dies Gebot, ihr Priester! Die Lippen des Priesters sollen die Weisheit bewahren und das Gesetz soll man holen aus seinem Mund; denn ein Engel des Herrn der Heerscharen ist er“ (Malach. 2, 1. 7) auf der Kanzel, im Beichtstuhl, am Bett des Sterbenden und in oft sehr schwierigen Angelegenheiten des Gewissens. Dazu aber ist eine gründliche Wissenschaft notwendig, welche nur durch ausdauernden Fleiß erworben wird. Wehe dem armen Volk, dessen Priester die Pflicht des Studiums vernachlässigen! Denn „wenn ein Blinder den andern führt, fallen beide in die Grube“, seufzt Jesus (Matth. 15, 14); und der Prophet Ezechiel jammert: „Wehe den verrückten Propheten, welche ihrem eigenen Geist folgen. Wie die Füchse in der Wüste sind deine Propheten, Israel! Ihr erhebt euch nicht zum Widerstand und setzt euch nicht zur Mauer des Hauses Israel, um fest zu stehen im Streit“ (Ezech. 13, 3. 5).

Nicht weniger notwendig ist das unablässige Studium für den Priester wegen der Rettung und Heilung seiner eigenen Seele. Der hl. Geist sagt: „Wer dem Lernen ausweicht, der fällt in das Böse“ (cf. Sprichw. 17, 16). Der Priester, welcher das Lesen der hl. Schriften unterläßt, welcher Jesum nicht kennen will, der ist großen Gefahren und schweren Versuchungen bloß gestellt; und wider ihn klagt der weinende Jesus: „Wenn du es doch erkenntest, was dir zum Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen! Denn es werden Tage über dich kommen, wo deine Feinde – die Lauheit, der Müßiggang, die Sucht nach Gesellschaften und Sinnlichkeiten – – mit einem Wall dich umgeben, dich ringsum einschließen und von allen Seiten dich beängstigen werden … ja keinen Stein in dir werden sie auf dem andern lassen.“ (cf. Luk. 19, 42f). Welches Glück, welchen Segen für Zeit und Ewigkeit hat die Erfüllung dieser Pflicht dem hl. Alfons und der katholischen Kirche gebracht! –
aus: Otto Bitschnau OSB, Christliche StandesUnterweisungen, 1904, S. 300 – S. 301