Die Bekehrung der Juden ist Gewissheit

Der Römerbrief Kap. 11 Vers 25-28

Die einstige Bekehrung der Juden ist Gewissheit

Die einstige Bekehrung der Juden ist nicht nur Möglichkeit, sondern Gewissheit. Paulus spricht sie in feierlicher Form als Mitwisser der göttlichen Ratschlüsse und als deren Dolmetscher aus. Es ist ein Geheimnis, ein Mysterium, das bisher in Gott verborgen war und das nun durch den Mund des Apostels von ihm geoffenbart wird. Dieses Mysterium hat auch für die Heidenchristen eine große Bedeutung. Es belehrt sie, dass der Herr sich nicht von den Juden abgewendet hat, um sich ganz der Heidenwelt zu schenken, dass jene nicht aufgehört haben, sein auserwähltes Volk zu sein. „Die Verstockung ist teilweise über Israel gekommen, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist.“ Die Juden werden somit nicht immer in ihrer Verstockung verharren. Gott hat sich nur für eine bestimmte Zeit von ihnen zurückgezogen. Die von ihnen verachteten Heiden sollten zu ihrer Beschämung den Vortritt zum messianischen Heil haben; die Letzten sollten die Ersten werden. Dieser Zustand wird dauern, bis die Vollzahl der Heiden in die Kirche eingegangen ist. Dies bedeutet nach Augustinus nicht alle Menschen aller Völker, sondern nur alle Völker; es ist die Vollzahl der von Gott zum Heil bestimmten Heiden, die erreicht sein wird, wenn das Evangelium in der ganzen Welt verkündigt ist.

Wenn diese Zeit gekommen ist, wird ganz Israel das Heil erlangen; einzelne Ausnahmen bleiben dabei immerhin noch möglich. Paulus sieht die Bekehrung des ganzen Restes schon bei Jesaias geweissagt (59,20). Im Urtext lautet die Stelle: „Der Herr kommt für Sion als Erlöser und für die, so in Jakob von ihrer Bosheit sich bekehren. Was mich betrifft, das ist mein Bund mit ihnen: Mein Geist, der auf ihnen ruht, und meine Worte, die ich ihnen i ihren Mund gelegt habe, sollen nicht weichen aus deinem Mund und aus dem Mund deiner Kinder und der Kinder deiner Kindeskinder.“ Der Prophet spricht von der messianischen Zukunft, und zwar von jener Zeit, in der Gott die in der ganzen Welt zerstreuten Juden sammelt und nach Sion führt. Paulus liest „aus“ Sion statt „für“ Sion und ändert den Schluss um in: „wenn ich ihre Sünden wegnehme“. Diese Gesamtbekehrung Israels ist aber wahrscheinlich für die Endgeschichte des Gottesreiches vorbehalten, wenn sie auch nicht bis zum Abschluss der Tage herab gedrückt werden darf, weil sie auch den Heiden noch eine Fülle des Segens vermitteln und eine neue Blütezeit religiösen Lebens einleiten wird.

Ein anderer Ausgang der Geschichte Israels als die Einmündung in das messianische Reich ist auch nicht zu erwarten. Gott bereut und widerruft seine Gnadengaben nicht. Zwar haben die Juden das Evangelium abgelehnt und vor Pilatus bekannt: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche, wir haben keinen König als den Kaiser!“ Dadurch sind sie Feinde Gottes geworden und wurden darum vom Heil ausgeschlossen. Es geschah – wie Paulus oben darlegte – um der Heiden willen, um deren Bekehrung zu beschleunigen; Gottes Gericht über Israel ward der Heidenwelt zum Segen. Dennoch blieben die Juden im Hinblick auf ihre Auserwählung Lieblinge Gottes um der Väter willen. Israel war in Abraham und den anderen Patriarchen auserwählt worden. Um der Väter willen hat Gott dem Volk seine Liebe zugewendet; und diese in der Auserwählung bekundete Liebe bleibt, weil Gott die den Vätern gegebene Verheißung nicht zurück nimmt. So überdauert Gottes Liebe auch die Feindschaft der großen Masse Israels.

Wenn die Menschen untreu werden, Gott bleibt seinem Wort treu. In dieser Treue wird er den Juden noch einmal das Heil anbieten, wenn die Vollzahl der Heiden sich bekehrt hat. Menschen können bereuen, gegen Mitmenschen gut gewesen zu sein, wenn sie furchtbare Enttäuschungen erleben mussten. Gott aber kann seine Gnadengaben und Berufungen auch deshalb nicht bereuen, weil er niemals durch das Verhalten der Menschen enttäuscht werden kann. Er kennt ja von Ewigkeit ihre Gesinnungen und Handlungen und hat sie bei seinen Ratschlüssen mit in Rechnung gestellt. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XIV, 1937, S. 104 – S. 105