Die zwei Zeugen in der Apokalypse

Apokalypse

 Die zwei Zeugen. Kap. 11 Vers 3. Wer sind die zwei Zeugen?

Die in die Minderheit gedrängten Christen wären in den Zeiten der heidnischen Vorherrschaft doppelter Gefahr ausgesetzt, wenn sie beobachten müssten, daß die Gottesfeinde ihre volle Macht entfalten und die heilige Stadt zertreten könnten, ohne daß von Seiten des Herrn entsprechende Gegenmaßnahmen zum Schutz der Kirche und zur Neubelebung des Glaubens einsetzten. Die treu Gebliebenen dürfen jedoch wahrnehmen, dass Gott sich keineswegs passiv verhält und dass die Kirche nicht für immer zur Defensive gezwungen ist. Gott geht vielmehr zu einer erfolgreichen Offensive über und verbindet damit in seiner Güte einen letzten Appell an die Feinde. Er sendet zwei prophetische Männer mit dem Auftrag und der Vollmacht, zwölfhundert sechzig Tage hindurch zu weissagen.

Wer sind diese zwei „Zeugen“? Die Antwort ist nicht leicht. Ein Blick in die Kommentare zeigt, dass wir von einer einmütigen Auffassung noch weit entfernt sind. Die Art und Weise der Einführung setzt das Wissen der Leser um die Zeugen voraus, obwohl sie von Johannes bisher nie erwähnt wurden. Weil der Sprechende, also Gott oder Christus, sie „meine zwei Zeugen“ nennt, müssen sie zu ihm in einem besonderen Abhängigkeits-Verhältnis stehen. Er sendet sie. Für ihn legen sie Zeugnis ab. Ihr Wirkungskreis umfaßt nicht nur den abgemessenen Schutzbezirk, sondern gilt über den Kreis der dort Anbetenden hinaus auch der „großen Stadt“ (11, 8), geht sogar alle „Bewohner der Erde“ (11, 10), namentlich die abgefallenen und lauen Christen. Das ist bedeutsam für den Sinn der Vision: Noch einmal bietet der Herr des Himmels den Menschen auf Erden in besonderer Weise seine Gnade an, „um ihnen die Augen zu öffnen und sie von der Finsternis zum Licht zu bekehren und von der Macht des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden und den Anteil unter den Heiligen empfangen durch den Glauben an Christus“ (Apg. 26, 18).

Die beiden Männer tragen den Titel „Zeugen“ und „Propheten“ (11, 10). Sie sind also von Gott beauftragt, öffentlich für die Wahrheit und die Rechte Gottes einzutreten, und zwar ohne Menschenfurcht. So ist auch hier das bei Johannes so beliebte Wort Zeuge (martys) in dem für die Apokalypse charakteristischen Sinne gebraucht. Der Zeuge ist Künder der Wahrheit, breit, alle mit dieser Aufgabe verbundenen Leiden und Opfer auf sich zu nehmen und sein Leben dafür hinzugeben. In der Erinnerung des Sehers lebte neben Christus, dem Urbild aller Zeugen, auch die ideale Zeugengestalt des Vorläufers Johannes. „Er kam zum Zeugnis, um von dem Licht Zeugnis zu geben, damit alle durch ihn glaubten“ (Joh. 1, 7). Auch er hat sein Zeugnis mit dem Blut besiegelt.

Wie dieser Zeuge das erste Auftreten des Messias vorbereitete, so wird auch die Parusie des Weltenrichters am Ende der Zeit durch Vorläufer oder prophetische Zeugen eingeleitet. Das war seit Malachias die Erwartung Israels, die auch in den Evangelien ihren Niederschlag gefunden hat. In der alt-testamentlichen Vorstellung fiel dabei das irdische Wirken des Messias mit dem Ende der Zeit zusammen. Man machte noch keinen Unterschied zwischen seiner ersten und zweiten Ankunft. Bald wurde im Hinblick auf 5. Mos. 18, 15 Moses als Vorläufer erwartet (Apg. 3, 22f). Vielleicht ist er auch Joh. 1, 21; 6, 14; 7, 40 als „der Prophet“ gemeint. Dann wieder dachte man an Elias (Mal. 3, 1-3 u. 23; Sir. 48, 10f; Mark. 6, 15; 8, 28; 9, 11; Matth. 11, 10 u. 14 u. Parall.; Joh. 1, 21). Später wurde neben Elias vor allem Henoch genannt oder Esdras, Baruch und Jeremias. Die älteren christlichen Erklärer unserer Stelle nahmen seit Irenäus durchweg an, vor dem Endgericht würden Elias und Henoch, von deren Tod man nichts wußte, persönlich wieder auf Erden erscheinen und als Zeugen des nahenden Weltenrichters auftreten. Der im Text charakterisierten Art des Wirkens entspricht es aber mehr, an Moses und Elias zu denken. Diese beiden waren Zeugen der Verklärung Jesu auf dem Berge (Matth. 17, 3). Sie werden aber nicht selbst wiederkommen. Gott wird in der Endzeit zwei Männer erwecken und sie für ihr prophetisches Zeugenamt so ausrüsten, daß sie imstande sind, ähnliche Werke zu vollbringen, wie einst Moses und Elias. (siehe dazu: Die zwei Zeugen und der Sieg Christi sowie den Beitrag: Die zwei Zeugen Elias und Henoch)

Die Dauer ihrer Tätigkeit ist der Zeit der heidnischen Herrschaft und Willkür im äußeren Vorhof gleich. Da es sich aber in beiden Angaben, den zweiundvierzig Monaten wie den zwölfhundert sechzig Tagen, nicht um eine arithmetischen Abgrenzung, sondern um symbolische Maße handelt, also um längere, vermutlich ein Lebensalter überschreitende Zeitperioden, fassen manche Erklärer die zwei Zeugen nicht als zwei menschlichen Persönlichkeiten auf, sondern als Kollektivwesen, als Personifikationen der „hierarchischen Funktion der Kirche“ (Moses) und der „prophetischen Funktion“ (Elias). In Zeiten erhöhter Gefahr werde Gott durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch immer wieder die geistigen Kräfte im Hirtenamt und Lehramt oder im Lehramt und Priesteramt so erneuern, daß die Kirche der Gefahr zu trotzen vermöge. Diese Annahme bloßer Personifikation ist jedoch unwahrscheinlich. Es geht in dieser Vision nicht mehr um die ganze Endzeit zwischen Christi Himmelfahrt und seiner Ankunft zum Gericht, sondern um das gewaltige Ringen vor dem nahenden Ende der Zeit. Die Messung des Tempels, die „Zeiten der Heiden“, das Aufsteigen des Tieres aus dem Abgrund (11, 7) und vor allem die Erweckung der Hingemordeten und ihre Aufnahme in den Himmel fordern die Beziehung auf zwei Gott gesandte Persönlichkeiten.

Ihr Erscheinen wiederholt sich also nicht in der Geschichte, etwa jedesmal, wenn die Kirche nach einer Zeit der Erschlaffung erneut erstarkt und zur Offensive gegen den Unglauben vorgeht. Bie dieser Annahme müsste der Eingang des siebten Verses den Sinn haben: „Und so oft sie ihr Zeugnis beendet haben…“ Die entsprechende Lesart ist aber sehr schwach bezeugt. Der ursprüngliche Text lautet vielmehr: „Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben…“, also einmalig damit zu Ende gekommen sein werden.

Zuerst schaut Johannes das Wirken der Zeugen in der Kraft ihrer göttlichen Sendung (11, 3-6), dann ihre Tötung und Schändung (11, 7-10), endlich ihre Verherrlichung (11, 11-13).

Die Zweizahl erhöht die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses (vgl. 5. Mos. 19, 15; Matth. 18, 16; Luk. 10, 1; 2. Kor. 13, 1). Die Zeugen treten in der Tracht der alten Propheten auf, im sackähnlichen, rauhen Bußkleid. Das ist nicht bloße Ausschmückung ihres Bildes. Hohe Gewalten sind in ihre Hände gelegt. Aber es geht ihnen nicht um Repräsentation. Die Lauheit, Genusssucht und Kulturseligkeit in den Reihen der Christen, die den Abfall vieler vorbereitet und den Erfolg der Heiden erleichtert haben, erfüllen sie mit tiefer Trauer. In strengen Bußübungen sühnen sie die Vergehen anderer und rufen dadurch zugleich den Segen Gottes auf ihre prophetische Predigt herab. Die erfolgreichsten Reformatoren innerhalb der Kirche sind stets strenge Aszeten gewesen. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 159 – S. 161
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