Wer für den Abfall reif ist

Apokalypse

 Die Tempelmessung. Kap. 11 Vers 1-2. Wer die Welt liebt, ist reif für den Abfall

Alle Mittelmäßigkeit bereitet den Abfall vor.

Im Zusammenhalt mit der Lehre des heiligen Paulus wird ersichtlich, daß Johannes die künftige Zeit des Antichristen meint. Paulus hatte die Thessalonicher warnen müssen, auf Grund gefälschter Briefe zu glauben, der „Tag des Herrn“, das Endgericht, stehe unmittelbar bevor. Dieser Tag bricht nicht an, „bevor der Abfall kommt der Mensch der Gesetzlosigkeit geoffenbart wird, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott oder Gegenstand religiöser Verehrung heißt, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst als Gott ausgibt. Erinnert ihr euch nicht, daß ich euch das sagte, als ich noch bei euch war?“ (2. Thess. 2, 3-5) Johannes selbst hat sich auch in seinem ersten Brief mit diesem Problem des Abfalles auseinander gesetzt. Er warnt die Seinen vor der Weltliebe; denn „wenn einer die Welt liebt, dann ist in ihm keine Liebe zum Vater“ (1. Joh. 2, 15); er ist reif zum Abfall. Je näher die letzte Stunde heran rückt, desto offensichtlicher wird die Scheidung der Geister, und desto schärfer heben sich die Fronten ab. Das Auftreten vieler Antichriste als Vorläufer des eigentlichen Widerparts Christi ist dem Apostel ein Anzeichen dafür, „daß die letzte Stunde da ist“ (1. Joh. 2, 18). Diese Antichriste aber sind aus den eigenen Reihen der Christen hervor gegangen.

Wie war solcher Abfall möglich?

„Von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Wären sie von uns gewesen, so wären sie bei uns geblieben. Aber es sollte sich an ihnen offenbaren, daß sie nicht alle von uns sind“ (1. Joh. 2, 19). Äußerlich hatten sich diese Abtrünnigen zwar der Kirche angeschlossen; weil sie aber die Liebe zur Welt nicht aus dem Herzen verbannten, konnte die Liebe zum Vater darin nicht Wurzel fassen. Die Religion wurde in ihnen nie zur umformenden Lebenskraft. Sobald sich darum die äußeren Verhältnisse, von denen sie eine Zeit lang mitgetragen wurden, änderten, löste sich wie von selbst ihre lockere Verbindung mit der Kirche, und sie gingen zu denen über, zu denen sie innerlich stets gehört hatten. Diese Psychologie des Abfalls macht es ohne weiteres verständlich, daß fast über Nacht weite Bezirke für die Kirche verloren gehen, weil schon lange kein übernatürliches Leben mehr darin pulsiert, sondern nur äußere Bindungen den Schein erwecken, als bedeutete die Religion noch etwas. Nur die Rinde verdeckte das morsche Innere des Stammes; es war keinem Sturm mehr gewachsen, und nach seinem Sturz wundert man sich nur, daß er nicht früher fiel.

Nun gilt es für die wahren Christen, die mit dem Zeichen des Lammes Besiegelten, sich ihrer Berufung aus der „Welt“ heraus tiefer bewußt zu werden (Joh. 15, 18f.) und den Trennungsstrich schärfer zu ziehen. In Zeiten der Kulturseligkeit wähnen allzu viele, die Welt sei christlich geworden und die Religion forme für immer das Leben der meisten Völker. Statt dessen sehen sich in der Szene der Tempelmessung die wirklich echten Christusjünger in eine Minderheit gedrängt, die sich im Heiligtum und um den Altar anbetend zusammen schließen muss, um sich davor zu bewahren, von den Heiden ebenfalls zertreten zu werden. Wer also immer noch meint, in den Außenbezirken weilen, das heißt nur mit halbem Herzen Christ sein, daneben aber auch in den Vorhöfen der Heiden leben zu dürfen, hat den Ernst der geforderten Entscheidung nicht erfaßt. Im Endkampf zwischen Christus und dem Teufel, zu dem ja diese Vision als Zwischenspiel überleitet, gibt es keine Neutralen mehr. Alle Mittelmäßigkeit bereitet den Abfall vor. Apokalyptische Zeiten fordern Heroismus und Distanzierung gegenüber der „Welt“ Wurden einst im Tempel zu Jerusalem die Heiden durch steinerne Warnungstafeln unter Androhung der Todesstrafe abgehalten, die Schranken zu überschreiten, die den Vorhof der Heiden von dem Innenbezirk des Tempels trennten, so laufen jetzt die Christen Gefahr, umzukommen, wenn sie den heiligen Bereich der Gottesnähe verlassen. Ihre Absonderung ist also unerlässlicher Selbstschutz gegen die religiöse Verflachung und gegen das Abgleiten in die Gottesferne des Heidentums, das rings um das Heidentum und den Altar alles beherrscht und mit Gewalt an sich reißt. Überläufer halten sich gern in den Grenzgebieten auf!

Die kleine Herde braucht sich nicht zu fürchten

Trotz des beschämenden Versagens und des Abfalls vieler, die einst Christus die Treue geschworen haben, braucht die „kleine Herde sich nicht zu fürchten“ (Luk. 12, 32) Die bis zum Ende Ausharrenden werden gerettet. Der „Vater hat beschlossen, ihnen das Reich zu geben“. Ins innere Heiligtum der Kirche hinein läßt er die Heiden nicht vordringen, denn durch die Abmessung hat er es als sein ureigenstes Schutzgebiet gekennzeichnet. Da steht der Allmächtige und gebietet den Heiden Halt, die schon die heilige Stadt Jerusalem zertreten haben und in ihrem Siegestaumel glauben, nun den letzten Rest des Reiches Christi auf erden vernichten zu können: „Bis hierher kommst du, doch nicht weiter! Hier bricht sich deiner Wogen Übermut!“ (Job 38, 11).

Noch etwas hört Johannes, was die Gemeinde der Gläubigen mit Mut zum Ausharren bis ans Ende erfüllen soll: Die Dauer der Gewalttätigkeit der Heiden gegen die Kirche und des Abfalls in den Randgebieten ist von dem himmlischen Herrn auf zweiundvierzig Monate festgesetzt. Immer wieder schlägt der Seher dieses Trostmotiv an: Alles Leid der Guten, auch das schwerste, aller Erfolg der Gottesfeinde, auch der größte, ist von jeher durch Gott selbst, nicht von seinen Gegnern zeitlich genau begrenzt. Die Dauer von zweiundvierzig Monaten oder dreieinhalb Jahren bedeutet als gebrochene Sieben ein Zeitmaß des Unheils und der Not. Der Satan vermag dem Reich Gottes viel zu schaden, ganze Länder und Völker von ihm abzureißen, aber zerstören kann er es nicht (Matth. 16, 18). Um der Gerechten willen kürzt Gott die Tage der Leiden und Verfolgungen ab, wenn das voraus bestimmte Maß erreicht ist (Mark. 13, 20). Aus der größten Not erwächst die Erneuerung. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 156 – S. 158