Götzendienst und Verstocktheit

Apokalypse

 Die sechste Posaune. Das zweite Wehe. Kap. 9 Vers 13-21. Götzendienst und Verstocktheit

Als schlimmstes Vergehen und größte Schuld wird an erster Stelle das Verharren im Götzendienst genannt. Gottes Ehre und Verehrung ist des Menschen oberste Pflicht, ihre Verweigerung oder gar ihre Übertragung auf Geschöpfe seine schwerste Schuld. Dem Gläubigen erscheint es als etwas Unfaßbares, daß der Mensch anbetend vor den Werken seiner eigenen Hände niederfällt und Hilfe von Göttern, die er selbst geschaffen hat aus mehr oder weniger kostbarem Material. Dieser Gedanke kehrt im Alten Testament oft wieder (5. Mose 4, 28; Is. 2, 8; 40, 19ff.; 44, 12ff.; Jer. 1, 16; 10, 3ff.; 16, 20; 25,6; Dan. 5, 4 u. 23; Mich. 5, 12; Ps. 115 [114], 4 – 7; Weish. 13, 10ff.; 14, 18ff.; Apg. 7, 41). In Wirklichkeit stehen hinter dem Nichts der Götzen die Dämonen (3. Mose 17, 7; 5. Mose 32, 17; Ps. 106 [105], 37; 1. Kor. 10, 20). Dem Seher offenbart sich der Widersinn des Götzenkultes besonders darin, daß die Heiden gegenüber dem liebevollen Heilsabsichten des wahren Gottes ihr Herz verschließen, während sie den Dämonen Anbetung zollen, obschon sie von diesen so Schlimmes zu erdulden haben.

Götzendienst und Verstocktheit – Mutterboden sittlicher Laster

Götzendienst und Verstockheit sind der fruchtbare Mutterboden sittlicher Laster. Wer sich bewußt vom wahren Gott, dem Prinzip aller Ordnung und Harmonie, abkehrt, gerät bald unter die Tyrannei der niederen Triebe und entfesselten Leidenschaften. Das war schon dem Verfasser des Weisheits-Buches bekannt (12m 27ff.). Im Römerbrief hat Paulus diesen ursächlichen Zusammenhang zwischen Götzendienst und sittlicher Verkommenheit schonungslos aufgedeckt (1, 18ff.) Dabei ist wohl zu beachten, daß die Heiden jener Zeit weder gottlos noch ungläubig waren, sondern nur irrgläubig. Paulus nennt die Athener in seiner Areopag-Rede sogar „in jeder Hinsicht überaus religiös“ (Apg. 17, 22).

Mit Recht bemerkt eine Dichterin unserer Tage, die selbst den Weg zum katholischen Glauben gefunden hat: „Das neue Heidentum ist eine Kriegserklärung an den einen Gott, der sich geoffenbart hat. Das alte war ein Liebesgedicht an den Gott, der sich verborgen hielt, dessen Nähe man ringsum fühlte.“

Wie sich also erst wirklicher Unglaube und überlegte Verweigerung der schuldigen Gottesverehrung im sittlichen Leben auswirken müssen, ist unschwer zu ermessen. Der von Johannes hier zusammen gestellte Lasterkatalog ist viel kürzer als andere im Neuen Testament; er will gar nicht erschöpfend sein (vgl. 21, 8). zu den Sünden gegen das fünfte, sechste und siebte Gebot des Dekalogs treten die „Giftmischereien“, worunter vor allem die Bereitung von Zaubertränken und Zaubermitteln und deren Gebrauch zu verstehen sind. Man kann darum das Wort auch mit „Zaubereien“ übersetzen. Daß die alt- und neu-testamentliche Offenbarung die Sünden gegen die Gottesgebote der ersten Tafel als Wurzel der Übertretungen der folgenden Gebote betrachtet, ist ein überaus wichtiger Fingerzeig für die Abwehr dieser Sünden, also für das eigene Tugendstreben wie für die Seelsorge. Die Verkommenheit auf sozialem und sexualem Gebiet ist dort am schlimmsten, wo der Glaube an den ewigen Gott und die Ehrfurcht vor seinem Namen und vor dem ihm geheiligten Tag geschwunden sind. Veräußerlichte religiöse Gewohnheiten und „Übungen“ dürfen nicht über das Fehlen echten Glaubensgeistes hinweg täuschen. Also gilt es, vor allem und mit allen Mitteln zunächst diesen Glaubensgeist zu wecken und zu stärken; dann erneuert sich alles andere von innen heraus. Andernfalls dagegen bleibt der Kampf gegen die Unmoral in Familie und Gesellschaft erfolglos. Blutkrankheiten und Zerrüttung des Organismus werden nicht durch Heilpflaster behoben. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 145 – S. 147