Der dämonische Charakter des Tieres

Apokalypse

 Die zwei Tiere. Kap. 12 Vers 18 – Kap. 13 Vers 4. Der dämonische Charakter des Tieres

Der Seher wird in prophetischer Vision Zeuge, wie aus dem Meer ein Tier herauf steigt, das an Schreckhaftigkeit des Aussehens alles bisher Geschaute überbietet, sogar den Drachen. Zuerst sieht Johannes zehn Hörner aus den Fluten auftauchen, ein Zeichen der fast unwiderstehlichen Kraft und unheimlichen Angriffslust des Trägers. Dann zeigen sich sieben Köpfe, auf denen zehn Hörner sitzen. Dürer und Fugel verteilen die Hörner so, daß die drei mittleren Köpfe je zwei Hörner tragen, die vier äußeren je eines. Auf jedem Horn glänzt eine Krone. Das Ganze ist eine widerliche Häufung von Sinnbildern der dämonischen Macht, die von keiner Selbstzucht geordnet und gezügelt wird, sondern um jeden Preis sich durchsetzen will und alles vernichtet, was ihr in den Weg tritt. Die Herrschsucht und der Machthunger in höchster Potenz! Das bezeugen auch die Lästernamen auf den Köpfen. Sie waren wohl auf den Stirnbändern der Kronen zu lesen: ein vom Größenwahn zeugendes Zerrbild des Stirnreifs des Hohenpriesters und des göttlichen Logos auf dem weißen Roß, der „viele Diademe trägt und einen Namen geschrieben, den niemand kennt als er selbst“ (19, 12). In den gotteslästerlichen Namen beanspruchte das Tier wohl Eigenschaften und Titel, die nur dem Allherrscher auf dem Himmelsthron und dem Lamm zustehen: „Ich wie Gott“ ist die Parole des Tieres.

Nachdem das Ungeheuer ganz aus den Wogen aufgetaucht war und der Seher es genauer anschauen konnte, stellte er fest, daß der Leib dem eines Panthers oder Leoparden glich. Im übrigen aber fehlte die wohl geformte Einheitlichkeit dieses Raubtieres; denn die Füße waren wie die eines Bären und das Maul wie ein Löwenmaul. Unverkennbar ist in dieser Beschreibung die Anlehnung an die Vision Daniels „im ersten Jahr der Regierung Belsazars, des Königs von Babylon“ (Dan. 7, 1ff.). Dort wie hier ist die Rede vom Aufsteigen aus dem Meer, von zehn Hörnern, von Panther, Bär und Löwe, vom großsprecherischen Maul (Dan. 7, 8; Offb. 13, 5), vom Krieg mit den Heiligen (Dan. 7, 21; Offb. 13, 7). Auch die Siebenzahl der Köpfe ergibt sich durch durch Zusammenrechnen bei Daniel, wo die drei ersten Tiere je einen Kopf haben, das vierte aber vier Köpfe. Was dagegen der alt-testamentliche Apokalyptiker von vier verschiedenen Tieren aussagt, das hat Johannes auf ei einziges vereinigt und so dessen Furchtbarkeit gesteigert. In der Endzeit konzentrieren sich die gottesfeindlichen Mächte, um ihre Schlagkraft zu erhöhen. Die Wildheit und Verschlagenheit des flinken Leoparden, die schwerfällige Gefräßigkeit des Bären, der in der Daniel`schen Vision drei Rippen zwischen den Zähnen hält und den Befehl bekommt: „Auf, friß viel Fleisch!“, sowie die Raubgier des Löwen, des Beherrschers der Wüste, all das verbindet sich zur erschreckenden Einheit in dem Tier, das aus dem Meer empor steigt. In den Tiefen des Meeres halten sich nach den Vorstellungen der meisten Völker die furchtbarsten Wesen auf.

Auch wenn es nicht eigens gesagt wäre, daß der Drache dem Tier „seine Macht und seinen Thron und große Gewalt verlieh“, so ergäbe sich der dämonische Charakter des Tieres schon aus seiner Beschreibung. Wie das Lamm den Thron des Allherrschers bestiegen hat (5, 7), wie ihm Gott Macht und Gewalt verliehen (5, 12), so äfft nun der Drache das nach, indem er das Tier inthronisiert. Vergeblich hatte er einst in der Wüste den Messias zu bewegen versucht, die Herrschergewalt über die Erde aus seiner Hand entgegen zu nehmen (Luk. 4, 6-7).

Das Zerrbild weist weitere Züge des himmlischen Urbildes auf. Wie das Lamm auf dem Thron noch die Schlachtwunde trug (5, 6), wie der verklärte Christus ein Toter geworden und doch in alle Ewigkeit lebt (1, 18), so bemerkt Johannes an dem Tier, daß „einer der Köpfe wie zum Tode geschlachtet war, aber seine Wunde wurde wieder geheilt.“ Die Parodie auf das Lamm fordert, daß diese Wunde wirklich zum Tode geführt hatte, wenigstens zum Scheintod. Es war eine „Todeswunde“ (13,12), eine „Schwertwunde“ (13, 14). Also ist auch die Auferstehung Christi in der Erscheinung des Tieres nachgeäfft. Vergeblich haben sich alle, die den Kampf mit dem Tier mutig aufgenommen hatten, über die Todeswunde gefreut, die sie einem der sieben Köpfe und damit dem ganzen Ungeheuer beigebracht hatten. Es starb wirklich daran, ging aber nicht für immer zu Grunde; denn es lebte wieder auf. Gibt es noch etwas, was ihm unmöglich ist, wenn es sogar zum Todesüberwinder ward? Daß die Menschen „staunen“ sollten, war die Absicht des himmlischen Vaters, da er dem Sohn größere Werke zu tun verlieh, als er selber sie tut. Und gerade in der Totenerweckung und Lebendigmachung offenbarte sich diese Macht (Joh. 5, 20f.). Was Wunder, daß nun die ganze Welt hinter dem Tier herläuft und es anstaunt? Wahres Staunen ist etwas Großes Ausdruck des Ergriffenseins vom Wunderbaren und Unfaßlichen, wenn sich der Mensch dem Göttlichen gegenüber gestellt sieht… Die Jünger Jesu staunten, als der Auferstandene ihnen erschien (Luk. 24, 41). Hat aber der Mensch das kindlich gläubige Staunen vor dem Göttlichen verlernt, so läuft er in kindisch urteilslosem Staunen hinter dem Teufel oder jedem Gaukler her und hält dessen Scheinwunder für Offenbarung wahrer Größe.

Beim bloßen Staunen bleibt es nicht, und der Drache erreicht, was er von jeher erstrebte, nämlich knechtische Unterwürfigkeit und sogar Anbetung seitens der Menschen, die er zum Abfall von Gott gebracht hat, indem er Gottes Wundermacht durch Blendwerke zu überbieten schien. Vor dem Stärkeren will ja der Mensch das Knie beugen. Die Sünde hat nun auf Erden ihren Gipfel oder besser ihren äußersten Tiefstand erreicht: Abkehr von Gott, Hinwendung zur Kreatur, Anbetung der Kreatur, Anbetung des Teufels, das sind die Stufen, die in diesen schauerlichen Abgrund führen. Hatte Christus einst erklärt, der Vater habe das ganze Gericht dem Sohn übertragen, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren (Joh. 5, 22), so kann jetzt der Satan mit Genugtuung feststellen, daß ihm auch hierin die Parodie gelungen ist. Nicht nur den Drachen beten die Menschen an, sondern auch das Tier. Ihm hat ja der Drache seine Gewalt übertragen. So erscheint also das Tier als eine Inkarnation Satans, als sein Ebenbild, „das Gegenstück zur Menschwerdung des Sohnes Gottes“ (W. Hadorn 138). In der huldigenden Frage der Drachen- und Tieranbeter: „Wer ist dem Tier gleich?“ klingt etwas mit wie eine höhnende Wiederholung des Lobpreises der wahren Gottesverehrer und des in dem Namen Michael enthaltenen Kampfrufes der guten Engel: „Wer ist wie Gott?“ (2. Mos. 15, 11; Ps. 89 [88], 7 u. 9; 113 [112], 5.) Die Hölle scheint über den Himmel gesiegt zu haben und die Herrschaft über die Erde endgültig an den Teufel gefallen zu sein. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI.2, 1942, S. 189 – S. 191

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