Gräuel der Verwüstung im Tempel

Altes Testament – Zweite Prophetie Daniels

Gräuel der Verwüstung im Tempel Jerusalems

Überspringen wir jetzt einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten und kommen wir zum Gräuel der Verwüstung, der kennzeichnend ist für das letzte Unglück Jerusalems: Christus wird getötet, der Neue Bund ist geschlossen, der Alte Bund ist abgeschafft, die Synagoge verworfen. Hierauf folgen dann die Katastrophen: „Siebzig Jahrwochen sind für dein Volk und deine heilige Stadt bestimmt, bis dem Frevel ein Ende gemacht, die Sünde versiegelt und die Schuld gesühnt wird, bis ewige Gerechtigkeit herbei geführt und der Allerheiligste gesalbt wird. Wisse aber und merke dir: von der Zeit an, da der Ausspruch erfolgt, daß Jerusalem wieder aufgebaut werden soll, bis auf Christus, den Fürsten, werden sieben Wochen sein und zweiundsechzig Wochen (d. s. Jahrwochen, Anm. d. Red.), und Straßen und Mauern werden wieder aufgebaut werden in bedrängter Zeit. Und nach den zweiundsechzig (Jahr)wochen wird Christus getötet werden, und sein Volk, das ihn verleugnen wird, wird nicht mehr sein. Und ein Volk wird mit einem heranziehenden Fürsten Stadt und Heiligtum zerstören. Ihr Ende wird Verwüstung sein, und Verwüstung ist verhängt nach Beendigung des Krieges. Aber eine Woche wird für viele den Bund festigen, und in der Mitte der Woche werden Schlacht- und Speiseopfer aufhören; im Tempel wird der Gräuel der Verwüstung sein, und bis zur Vollendung und zum Ende wird die Verödung dauern.“ (Dan. IX, 24-27)

Nach dieser Prophezeiung musste sich also beim Fall Jerusalems etwas ähnliches ereignen wie bei dem gottlosen Antiochus: eine Entweihung des heiligen Ortes, des Heiligtums und eine sakrilegische Verletzung all dessen, was der Tempel an Heiligstem barg, aber diesmal unter ganz anderen Bedingungen, als das erste Mal und in einem Kontext von Umständen, die allem einen besonderen Akzent gaben.

Zuerst müssen wir bemerken, dass der Tempel, dessen Verwüstung hier angekündigt wird, nicht mehr wie in den Tagen des Antiochus der Tempel des wahren Gottes und der wahren Religion mit allen Vorrechten war. Seit fast vierzig Jahren hatte er alle Privilegien verloren, und zwar in dem Augenblick, als beim Tode Christi der Vorhang des Tempels (zum Allerheiligsten) von oben bis unten zerriß und damit der Alte Bund zu Ende gegangen war, und infolge dessen das vorbildhafte Gesetz der durch es versinnbildeten Wahrheit Platz machte und das mosaische Gesetz mit seinen Riten, seinen Sakramenten, seinem Priestertum, seinem Altar und seinen Zeremonien für immer abgeschafft war. Von da an hatten diese Zeremonien aufgehört, rechtmäßig zu existieren, und der Tempel glich eher einer schönen Reliquie ohne Leben, ohne Gegenwart Gottes; er war wie eine schöne Reliquie, sagte der hl. Augustinus, d. h. wie ein verehrungswürdiger Toter, den man noch einige Zeit im Hause aufbahrt, bevor man ihn beerdigt. Der Tod der Riten des Alten Bundes war somit im „Totenhaus“ – dem Tempel – konserviert bis zur festgesetzten Stunde der Bestattung.

Durch neue und schreckliche Verbrechen der Synagoge sollte sich diese „Beerdigung“ zum Tragischen wenden und in einer Katastrophe enden. Zur selben Zeit nämlich, als die Soldaten der Römer mit ihren Götzen das heilige Land betraten, nahm der „Gräuel der Verwüstung“ Besitz von dem Tempel, schlug dort gewissermaßen seine Wohnung auf. Es geschahen so furchtbare Dinge im heiligen Bezirk des Tempels, dass diese förmlich die Rache Gottes herab riefen. Worin bestand diesmal der „Gräuel der Verwüstung“?

Er bestand in den unerhörten Profanationen des Tempels während der vier Jahre der Belagerung durch die Zeloten, die letzten Repräsentanten der Synagoge, ihre Hohen Priester und des Synhedrins, d.i. Des Hohen Rates. Diese hatten sich in den Tempelbezirk, ja in den Tempel selbst, bis ins Allerheiligste zurück gezogen wie in einen letzten Zufluchtsort bzw. in eine Festung. Da begingen sie, verführt vom totalen Rasen der Hölle, solche Verbrechen, daß Josephus nicht zögerte zu schreiben, daß sich die Erde selbst aufgetan hätte, um den Tempel mitsamt der Stadt zu verschlingen, wenn die Römer – Werkzeuge der göttlichen Rache – gezögert hätten, das Strafgericht Gottes zu vollziehen, oder dass Feuer vom Himmel gefallen wäre, um ein Geschlecht zu vernichten, welches tausendmal verbrecherischer und gottloser war als die Leute von Sodoma und Gomorrha. (Vgl. Josephus: „De bello iudaico“ IV, c. 16)

Das alles bezeugt, dass diesmal nicht der Feind von außen den „Gräuel der Verwüstung“ im heiligen Bezirk verübte, sondern die Diener des Heiligtums selber. Für die Zeit des Antiochus heißt es bei Daniel: Der Tempel wird nach 2300 Tagen gereinigt werden. – auch auch: sie werden den Gräuel der Verwüstung etablieren. Das Volk jedoch, das seinen Gott kennt, wird fest bleiben und so handeln, damit es geprüft, gereinigt und geläutert wird (vgl. Dan. XI, 31-35), nicht wie in diesem Fall – d.i. bei der Zerstörung Jerusalems -, da die Synagoge in einem letzten Aufbäumen das Maß voll machte, um sich unwiderruflich den Fluch zuzuziehen, der niemals mehr aufgehoben werden sollte gemäß der Schrift: „Und es wird im Tempel der Gräuel der Verwüstung herrschen, und er wird bis zur Vollendung und bis zum Ende der Zerstörung andauern.“ –
aus: Kardinal Louis Billot, Die Parusie, IV. Kapitel: Besonderheiten beim hl. Matthäus und beim hl. Markus über den Gräuel der Verwüstung, den der Prophet vorausgesagt hat.