Gräuel der Verwüstung im Alten Bund

Altes Testament

Gräuel der Verwüstung im Alten Bund unter Antiochus Epiphanes

Verschmelzung des jüdischen Gottes mit einer heidnischen Göttergestalt

„Und der König Antiochus erließ Schreiben an sein ganzes Reich, daß Alle Ein Volk sein, und Jeder sein Gesetz verlassen sollte. Und es willigten alle Völker in den Befehl des Königs Antiochus; und Viele aus Israel willigten in seinen Frondienst, und opferten den Götzen, und entweihten den Sabbat.“ (1 Makk. 43 – 45)

Herders Bibelkommentar:

Mit einer unerbittlichen Strenge versuchten die Syrer die Durchführung des Religionsediktes. Der Tempel zu Jerusalem wurde dem rechtmäßigen Gotteskulte enteignet und als heidnische Kultstätte dem olympischen Zeus geweiht. Man mochte gerade ihn, den Himmelsherrn, gewählt haben, weil er mit Jahve, dem höchsten Herrn des Himmels, am meisten Beziehung hatte. Zu Ehren des Zeus wurde auf dem altehrwürdigen Brandopfer-Altar ein neuer Altar aufgebaut. Schon der Prophet Daniel hatte vom Gräuel der Verwüstung im Heiligtum gesprochen (11, 31; 12, 11; vgl. 9, 27). Es ist verständlich, daß der 15. Kasleu (6. Dezember) 167 als ein Tag größter Schmach sich tief in das Gedächtnis des Volkes einprägte. Doch genügte der heidnischen Propaganda die staatliche Beschlagnahme des Gotteshauses nicht. Man errichtete für die neue Staatsreligion in allen Städten des Landes Opferaltäre, um dem Volke den neuen Kult zu erleichtern.

Neben dieser Gewaltpropaganda für die neue Staatsreligion ging die offene Verfolgung der jüdischen Religion. Man suchte vor allem die Gesetzbücher zu beschlagnahmen und zu vernichten, um die religiöse Belehrung durch das geschriebene Wort zu verhindern (Herders Bibelkommentar Bd. V, S. 23 – 24).

An unserer Stelle berichtet das zweite Makkabäerbuch von der Gesandtschaft nach Jerusalem, ohne den ganzen Zusammenhang anzugeben. Sie war einem alten Athener übertragen, wohl einem Manne, der das athenische Bürgerrecht besaß. Er war am ehesten geeignet, griechisches Wesen in Palästina einzuführen. Seine erste Aufgabe war es, durch Gesetzes-Maßnahmen unter den Juden eine Abfallbewegung hervorzurufen. Ferner musste er den Tempel in ein Zeus-Heiligtum umwandeln. […] Die Umbenennung des Tempels von Jerusalem lag ganz in der Auffassung der griechischen Welt, die sich keinen namenlosen Gott vorstellen konnte. Doch sollte der jüdische Gott nicht einfach durch den griechischen Zeus ersetzt werden. Vielmehr wurde eine Verschmelzung des fremden Gottes mit einer griechischen Göttergestalt versucht, wie wir sie oft in der griechisch-orientalischen Welt beobachten. Unter allen Göttern des griechischen Pantheons wies nur der Zeus Olympios als der Himmelsherr eine gewisse Ähnlichkeit mit dem höchsten Gott der Juden auf. So lag es für den Griechen nahe, den namenlosen Judengott als den olympischen Zeus anzuflehen. Dann konnten Juden und Griechen unter dem gleichen Namen und der gleichen Gestalt ihren Gott verehren und wären sich religiös näher gekommen. So verständlich dieses Verhalten für den Griechen bei seiner polytheistischen Einstellung (Vielgötter-Glaube) war, so sehr empfand der Jude eine solche Umbenennung als Abfall und Heidentum. Jahve wäre in die Reihe der vielen Göttergestalten eingetreten.

Selbst das einfache Volk wurde durch die plumpe und pietätlose Art der Tempel-Entweihung empört. Jeder stieß sich am unsittlichen und ausgelassenen Treiben in den heiligen Hallen. Mit dem neuen Kult wurden wüste Opfermahl-Zeiten gehalten und Hetären zur Unterhaltung der Menschen in das Heiligtum zugelassen. Man ging sogar zu unzüchtigem Treiben an heiliger Städte über.  (*) Das Ungeziemende, das sonst noch nach unserer Stelle in den Tempel gebracht wurde, bestand wohl in verbotenen Opfertieren. Ob auch der neue auf dem Brandopfer-Altar errichtete Zeusaltar darunter begriffen ist, läßt sich nicht entscheiden (1 Makk. 1, 59). Eher deutet Vers 5 auf diesen Gräuel der Verwüstung hin. Außerdem wurde der Brandopfer-Altar durch unreine Schweineopfer entweiht (1 Makk. 1, 47). Mit dieser Schändung des Heiligtums war die Feier des Sabbats und der andern Feste unmöglich geworden. Man ging nun auch so weit, nicht nur den Kult, sondern auch das Bekenntnis des Glaubens zu verhindern. Denn die neuen heidnischen Feste boten die Gelegenheit, die Juden zwangsweise zur Teilnahme am heidnischen Kult zu verpflichten. […] Den Juden blieb nur die Wahl, zum Hellenismus überzutreten oder Verfolgung und Martyrium auf sich zu nehmen. Denn auf dem Beharren in der alttestamentlichen Religion stand die Todesstrafe. Wie die große Masse des Volkes sich nicht zum Heroismus des Glaubens-Bekenntnisses durchringen konnte, berichtet das erste Makkabäerbuch (1, 43)“ (ebd., S. 192).

Hoherpriester und Priester des Alten Bundes werden zu Förderer des Heidentums

„Als aber nach den Seleucus Tode Antiochus, mit dem Beinamen der Erlauchte (Epiphanes), die Regierung übernahm, strebte Jason, der Bruder des Onias, [des rechtmäßigen Hohepriesters] nach dem Hohenpriestertum. … Als (…) er die Herrschaft erlangt hatte, suchte er alsbald unter seine Landsleute heidnische Sitten zu bringen“ (2 Makk. 4, 7 u. 10). „Denn er war so keck, sogar unterhalb der Burg ein Gymnasium (1) zu bauen, und die ausgezeichnetsten Jünglinge in den Hurenort zu führen: (2) was nicht bloß ein Anfang, sondern ein großer Fortschritt in heidnischer fremder Sitte war, und durch des gottlosen unpriesterlichen Jasons unerhörte Gräueltat sich ergeben hat; so daß die Priester nicht mehr an dem Dienst des Altares hingen, sondern den Tempel verachteten, die Opfer vernachlässigten und hinweg eilten, um an dem sündhaften Schauspiel der Palästra (3) und dem Werfen nach der Scheibe Teil zu nehmen.“ (Vers 12 – 14)

(1) einen Ort, der zunächst zu körperlichen Übungen bestimmt war, wo man sich nackt im Ringen und Springen etc. übte, und den Göttern zu Ehren Spiele feierte.
(2) in die heidnischen Übungsorte, wo die Übungen Götzendienst, d. i. Hurerei (s. Osea 1) waren, weil man sie den heidnischen Göttern zu Ehren (s. 1. Mach. 1, 15) vornahm. Im Griechischen Jünglinge unter den Hut zu zwingen. – Den Hut mit der breiten Krempe erhielten die Jünglinge bei ihrem Eintritt in die Kampfschule.
(3) der Übungsschule

Herders Bibelkommentar:

„Jason, dessen griechischer Name schon für seine hellenistische Gesinnung bezeichnend ist, wollte seinen älteren Bruder Onias aus seinem Amte verdrängen. Das heiligste Amt seiner Religion erkaufte er sich durch eine hohe Geldsumme (ungefähr 2 300 000 Goldmark). […] Jason erstrebte nicht nur das Hohepriesteramt, sondern wollte seine einflußreiche Stellung zur Einführung des Hellenismus benutzen. Der priesterliche Schützer der ererbten Väterreligion wurde zum Förderer des eindringenden Heidentums. Darum suchte er sich für Geld einen königlichen Freibrief zu verschaffen. Denn seine Pläne gingen auf Umsturz der bisherigen Staatsordnung, die auf biblischer Grundlage beruhte. […] Sobald er seinen Bruder verdrängt hatte, betrieb Jason in aller Eile die Hellenisierung. Denn dadurch gewann er nicht nur das Wohlwollen und den Schutz des Königs, sondern traf die strenggläubige Partei seines Bruders aufs Schwerste. […] So manche durch das mosaische Gesetz geforderten Einrichtungen wurden hinfällig und durch Gewohnheiten ersetzt, die gegen dieses Gesetz verstießen. All das gipfelte in der Gründung des griechischen Gymnasiums, das Jason in der Nähe der Burg und des Tempels ganz im Mittelpunkt der Stadt errichtete. Seinem Einfluß gelang es, gerade die Jugend für das griechische Wesen zu gewinnen, das auf jeden jungen Menschen eine große Anziehung ausüben musste mit seiner sportlichen Körperpflege, seinen kulturellen Leistungen und seiner Aufgeschlossenheit für alles natürlich Gute“ (ebd., S. 173).

„Mit dem Hohenpriester waren auch viele Priester dem neuen Geiste verfallen. Ihre Pflichten im Tempel und am Altare stellen sie zurück und beteiligten sich an den unpriesterlichen Ringkämpfen. Diese galten dem gläubigen Juden als gesetzeswidrig, da sie unter dem Patronat eines heidnischen Gottes abgehalten wurden“ (ebd., S. 174).

„Ob dieser vaterlandslosen Gesinnung musste sie das Strafgericht treffen. Es kam durch ihre syrischen Freunde selbst über sie. Denn bald begnügte sich Antiochus nicht mehr mit Halbheiten. Er verlangte vollen Glaubensabfall, entweihte sogar den Tempel und entzog dadurch ihrem Priestertum die Daseins-Berechtigung. Durch ihr Paktieren mit dem Heidentum bereiteten sie sich selbst den Untergang“ (ebd.). –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. V, 1939

(*) siehe dazu den Bericht: Sakrilegische Orgien und Gräuel der Verwüstung in Reims und Rom