Dreimaliger Gräuel der Verwüstung

Prophetie

Der dreimalige „Gräuel der Verwüstung“ beim Propheten Daniel

IV. Kapitel: Besonderheiten beim hl. Matthäus und beim hl. Markus über den Gräuel der Verwüstung, den der Prophet Daniel vorausgesagt hat.

Die Darstellung des hl. Lukas übergeht einen Punkt vollständig, über den die beiden Evangelisten Matthäus und Markus ausführlich berichten, nämlich den „Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte“, der vom Propheten Daniel vorausgesagt wurde. (Matth. 24, Mk. 13.)
Das Verständnis dieser Stelle setzt eine besondere Kenntnis der Hl. Schrift voraus, besonders die Kenntnis der Propheten und insbesondere die des Propheten Daniel, also alles Dinge, die den Nicht-Juden fremd waren, für die aber, wie man weiß, das dritte Evangelium bestimmt war. Daraus erklärt sich diese Auslassung ganz natürlich. Deshalb müssen wir unsere Studie durch die Analyse der Stelle bei Matthäus über den „Gräuel der Verwüstung“ vervollständigen, weil sie besondere Schwierigkeiten enthält, die geklärt werden müssen.

Dieser Vers folgt unmittelbar auf die Passage: „Und dieses Evangelium wird auf der ganzen Welt verkündigt werden zum Zeugnis für alle Heidenvölker und erst dann kommt das Ende.“ (Matth. 24,14) Jesus hatte zuvor gesagt, dass man von Kriegen und Kriegsgerüchten, von Pest, Hungersnot usw. hören würde, dass heftige Verfolgungen sich gegen die Kirche erheben würden, daß falsche Propheten in großer Zahl aufstünden, daß die Liebe bei vielen erkalten würde, daß nur derjenige gerettet würde, der bis zum Ende ausharren würde. Nachdem er angekündigt hat, das Evangelium müsse zuerst auf der ganzen Erde zum Zeugnis für alle Nationen verkündet werden, woraufhin das Ende folgen würde, fährt er fort: „Wenn ihr also den Gräuel der Verwüstung sehet am heiligen Ort, der vom Propheten Daniel vorausgesagt ist – wer das liest, bedenke es wohl – so sollen jene, die in Judäa sind, in die Berge fliehen, und wer auf dem Dache ist, kehre nicht zurück, um etwas aus dem Hause zu holen, noch wer auf den Feldern ist, um seinen Mantel zu holen. Wehe den schwangeren Frauen und ihren Kindlein in jenen Tagen! Betet, dass eure Flucht nicht in den Winter oder auf einen Sabbat falle; denn es wird alsdann eine so große Betrübnis sein, wie es noch keine bisher seit Beginn der Welt gegeben hat und nie wieder eine geben wird. Und würden jene Tage nicht abgekürzt, so würde niemand entkommen. Aber um der Auserwählten willen werden jene Tage abgekürzt werden. Und wenn man euch sagt: Christus ist hier oder dort, so glaubt es nicht; denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und werden große Scheinwunder und außerordentliche Dinge tun, um selbst die Auserwählten zu verführen, wenn dies möglich wäre. Seht, ich habe es euch gesagt. (…) Und alsbald nach der Trübsal dieser Tage wird die Sonne sich verfinstern, der Mond nicht mehr seinen Schein geben und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird am Himmel das Zeichen des Menschensohnes erscheinen.“ (Matth. 24,15-30) Es folgt der bekannte Schluss.

Das ist die Schilderung der Ereignisse vom Gräuel der Verwüstung, den Daniel voraussagte, und hier wird nun der betreffende Zeitpunkt angegeben, nämlich die Belagerung und der Fall Jerusalems. (Vgl. Daniel 9, 24-27)

Diese Stelle steht vor der berühmten Prophetie von den siebzig Jahrwochen, nach denen – d. i. nach der Tötung Christi – „ein Volk kommen wird, geführt von einem Heerführer, um die Stadt und das Heiligtum zu zerstören, und dann wird im Tempel der Gräuel der Verwüstung sein und dieser wird bis zum Ende dauern.“ Wir haben also hier zwei Vorkommnisse zu beachten:

1.) die Parusie, die auf die Tage äußerster Trübsal folgen soll und der der von Daniel vorhergesagte Gräuel vorausgeht, und

2.) den Gräuel der Verwüstung, den Daniel selbst festlegt auf die Zeit der Belagerung von Jerusalem durch die Heere des Titus. Wie ist dies miteinander vereinbar:
a) der Gräuel der Verwüstung bei der Zerstörung von Jerusalem,
b) der Gräuel der Verwüstung am Ende der Zeiten?

Die meisten kennen von den Prophetien Daniels diese berühmte von den siebzig Jahrwochen, wissen um ihre Wichtigkeit hinsichtlich des Kommens des Messias. In allen Kommentaren wird sie ausführlich behandelt, so daß die anderen Prophezeiungen Daniels in den Hintergrund treten. Man nennt hier nur die Stelle Daniel 9, 24-27 so, als würde Daniel nur an dieser Stelle vom Gräuel der Verwüstung sprechen. Aber dies ist ein offenkundiger Irrtum; denn man kann feststellen, daß Daniel den Gräuel der Verwüstung für drei verschiedene Epochen vorausgesagt hat, die genau gegeneinander abgegrenzt sind:

1.) für die Zeit der Verfolgung durch Antiochus IV. (Kap. VII, 13 und XI,31);

2.) für die Zeit der Belagerung und den Untergangs Jerusalems (IX, 27);

3.) endlich für die Zeit des Antichrist, des Endes der Welt und der Auferstehung der Toten (XII, 11). …

Der „Gräuel der Verwüstung“ unter Antiochus Epiphanes

Ein erster „Gräuel der Verwüstung“ war vorausgesagt für die Zeit des Antiochus Epiphanes, dieses „Sproß der Sünde“, wie ihn das Buch der Makkabäer nennt. Dieser heidnische König hat es zum ersten Mal unternommen, nicht nur das Land Israel zu erobern, sondern auch versucht, die Religion des wahren Gottes durch eine sehr grausame Verfolgung abzuschaffen. Er wird deshalb von den Kirchenvätern als Repräsentant bzw. Vorläufer des Antichrist angesehen. Und wie lange wird dieser Gräuel der Verwüstung – gemeint ist die Aufstellung einer heidnischen Götterstatue im Tempel – im Heiligtum bleiben? Auf diese Frage wird Daniel die Antwort zuteil: „Bis zu 2300 Tagen. Danach wird das Heiligtum wieder gereinigt werden.“ (Daniel, VIII, 13 ff.) Dieselbe Prophetie wird wiederholt, und zwar noch ausführlicher im XI. Kapitel, wo der Engel Daniel u. a. über den Verfolger belehrt: „Truppen, von ihm ausgesandt, werden das Heiligtum verwüsten, sie werden bewirken, dass das immerwährende Opfer aufhört, und sie werden den Gräuel der Verwüstung errichten („auferent iuge sacrificium et dabunt abominationem in desolationem“) und dies bis zur festgesetzten Zeit, da nach der Züchtigung Israels wieder bessere Tage der Ruhe und des Friedens kommen werden.“ (Daniel XI, 31 ff.)

Es ist also offenkundig, dass wir es hier mit einem „Gräuel der Verwüstung“ zu tun haben, auf den unser Herr nicht hingewiesen haben konnte, als er sagte: „Wenn ihr den Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte seht, der vom Propheten Daniel vorhergesagt wurde…“, da diese Prophezeiung sich schon in der Vergangenheit erfüllt hatte, eben zur Zeit des Königs Antiochus IV. Der Bericht der Makkabäer kann uns konkret vor Augen führen, was damit gemeint war: „Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte“: „Da erließ der König ein Dekret für sein ganzes Reich: alle sollten ein Volk werden und jeder seine Gebräuche aufgeben. Alle Völker fügten sich dem Befehl des Königs. Selbst die Israeliten fanden Gefallen an seinem Kult, opferten den Götzen und entweihten den Sabbat. Der König sandte Boten mit schriftlichen Anweisungen nach Jerusalem und in die Städte Judas, sie sollten sich den fremden Sitten anpassen und die Brand-, Schlacht- und Trankopfer aus dem Tempel verbannen, die Feste sowie das Heiligtum und die Heiligen entweihen. Dagegen sollten sie Altäre, Tempel und Götzenkapellen errichten, Schweine und andere unreine Tiere opfern, ihre Söhne unbeschnitten lassen und sich selbst durch allerlei Unreines und Gräuliches beflecken. Sie sollten so das Gesetz vergessen und alle Satzungen abschaffen. Wer aber nicht nach dem Befehl des Königs handelte, sollte sterben. (…) Am 15. Kisleu des Jahres 145 errichtete der König den Gräuel der Verwüstung auf dem Brandopfer-Altar, und in den Städten Judas ringsum erbauten sie Altäre. An den Haustüren und an den Straßen brachten sie Rauchopfer dar. Die Gesetzesbücher, die sie auftreiben konnten, zerrissen sie und warfen sie ins Feuer. Fand man bei jemandem ein Buch des Bundes oder beobachtete einer das Gesetz, dann verurteilte ihn der königliche Erlass zum Tode.“ (1 Makk 1,41-57)

Die Weihe des Tempels in Jerusalem an den olympischen Zeus

Ferner lesen wir in 2 Makk. VI,1 ff.: „Nicht lange danach sandte der König einen alten Athener, der die Juden zwingen sollte, von den Gesetzen der Väter abzufallen und nicht mehr nach Gottes Gesetz als Staatsbürger zu leben. Er sollte auch den Tempel in Jerusalem schänden und dem olympischen Zeus weihen. Schwer erträglich und zuwider war aber selbst dem Volk die Zunahme der Bosheit. Denn das Heiligtum wurde von den Heiden zu Ausschweifungen und wüsten Gelagen benützt. Sie suchten ihr Vergnügen mit Dirnen und ließen sich in den heiligen Vorhöfen mit Frauen ein. (…) Es gab keine Sabbatfeier mehr noch eine Einhaltung der von den Vätern überkommenen Feste. Man konnte sich überhaupt nicht mehr als Juden bekennen. Mit hartem Zwang führte man sie monatlich zum Opfermahl am Geburtstag des Königs. Am Dionysosfest wurden sie gezwungen, mit Efeu bekränzt an der Dionysos-Prozession teilzunehmen. Auf Veranlassung der Leute von Ptolemais erging auch ein Befehl an alle griechischen Städte, sie sollten das gleiche Verfahren gegen die Juden anwenden. Die sich zur Annahme des griechischen Wesens nicht entschließen konnten, sollte man hinrichten. Da konnte man nun sehen, welch ein Elend sich einstellte.“

Also, der „Gräuel der Verwüstung“ bestand in der Weihe des Tempels an den olympischen Zeus und in der Einführung heidnischer Feste. Im Wesentlichen bestand der Gräuel der Verwüstung in der Ächtung des göttlichen Kultes, insbesondere des wahren Opfers, welches dessen wichtigster Bestandteil war. Hinzu kam die Profanierung des heiligen Landes und des Tempels durch die Einführung eines sakrilegischen und götzendienerischen Kultes sowie die Umwandlung selbst des Tempels in einen Ort der Prostitution und der Unzucht. Dies geschah um das Jahr 160 v. Chr. und dauerte nur knapp drei oder vier Jahre. Dann hörte die Verfolgung auf und der göttliche Kult wurde wieder eingesetzt unter den früheren Bedingungen, nachdem zuvor der Tempel und der Altar gereinigt worden waren. (Vgl. 1 Makk. IV,36 und 2 Makk. X,l ff.)

aus: Kardinal Louis Billot, Die Parusie, Pro fide Catholica, S. 39 – S. 43