Satanismus und Antichristentum

Die Reformreligionen

Die grundsätzliche Verherrlichung der Sünde

Die grundsätzliche Verherrlichung der Sünde und selbst des Bösen von Anbeginn, wie sie in der neueren Literatur betrieben wird, ist doch gewiß ein gutes Stück Satanismus. (Weiß, Apologie II 652) … Und die in wirklich großartigem Stil betriebene systematische Zerstörung des Glaubens und die ebenso umfangreiche, zur wahren Kunst ausgebildete Verführung kann man wohl auch nicht anders richtig bezeichnen, als indem man rundweg sagt, das heiße die Geschäfte Satans besorgen.

Das sind allerdings keine wissenschaftlichen und keine modernen und keine „vornehmen“ Worte, aber es sind die Worte des Heiligen Geistes und des Erlösers und seiner Apostel (Joh. 8, 144; 1. Joh. 3, 8; 1. Tim. 4, 1; Weish. 2, 25). Und da wir bis auf weiteres das Evangelium noch immer unverstümmelt beibehalten so wie wir es bisher gelesen haben, so müssen wir wohl oder übel auch bei diesen harten Ausdrücken bleiben. Ohne Härte geht es bei solchen Dingen nie ab. Entweder sind wir hart gegen die Verführer oder grausam gegen die Verführten. Unsere Zeit geht sehr zart mit den Seelenmördern um, der Herr hatte Erbarmen mit den verlorenen Schafen Israels und gebrauchte deshalb bittere Worte gegen die Wölfe und gegen die Mietlinge, die ihnen gefällig waren. Wir halten es lieber mit ihm als mit den Modernen, darum nennen wir die Dinge beim rechten Namen.

Ja, es gibt einen Satanskult. Ob es heute noch Toren gibt, die dem Satan ein Kerzenstümpfchen oder ein Weihrauch-Körnchen opfern, ob noch Scheusale leben, die ihre Kinder in den Armen des Moloch verbrennen, wissen wir nicht. Nur das wissen wir, daß es noch schlimmeren Satanskult gibt. Die Seelen ihm als Opfer zuführen, und zwar in Hekatomben, das ist sicher Satansdienst und gewiß die allerschlimmste Form davon, ein Dienst, der Satan zweifellos willkommener ist als all die Hymnen und Dramen, die unsere neuere Literatur zu seiner Verherrlichung verfaßt hat. Nun, dann dürfen wir aber auch das alles, was hierher gehört, Satanskult nennen, zumal wenn sich die Täter selbst mit Stolz dieses Namens rühmen.

Bei dieser Gelegenheit mögen wir uns selber die Frage vorlegen, woher denn doch unsere Scheu, die traurigen Erscheinungen auf dem religiösen Gebiet mit dem richtigen Namen zu bezeichnen. Redet einer vom Unglauben der gebildeten, zumal der gelehrten Kreise, von der Gottentfremdung der modernen Kultur, von der Unmöglichkeit eines Ausgleichs zwischen Christus und dieser Welt, so darf er sicher sein, daß sich aus unserer eigenen Mitte gegen ihn die heftigsten Vorwürfe erheben, indes die, denen er das nachsagt, dazu ruhig Ja und amen sagen als zu einer selbstverständlichen und allgemein angenommenen Sache. Wir wollen nie zugeben, daß unser Glaube und unser Gesetz durch eine unübersteigliche Scheidewand, die nicht wir gebaut haben, sondern Gott selber, von dem Denken und Trachten des sogenannten Modernismus getrennt ist. Die Welt aber, die das recht gut weiß, hat nicht bloß kein Verlangen, diese Scheidewand zu überschreiten, sondern sie will bielmehr ihrerseits eine neue aufführen, um sich völlig ungestört auf ihrem gebiet einrichten zu können. Ihr ist jedes Mittel erwünscht, das diese Scheidewand bauen und verstärken kann, Buddhismus, Nekromantie, jede Art von Aberglauben, ja sogar der Islam, und zuletzt, wenn alles sonst nicht ausreicht, die Hilfe des Bösen selber. Sie hat mit dem Christentum abgerechnet, sie hat Christo nicht bloß den Dienst aufgekündigt, sie hat ihm den Krieg angekündigt. Vielfach ist das nur indirekt geschehen, selten geschieht es ausdrücklich, aber es geschieht.

Das Antichristentum tritt bereits offen und entschieden hervor. Das leugnen wollen ist nicht mehr Optimismus und nicht mehr kluge Zurückhaltung, um die Welt nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern absichtliche Blindheit, durch die wir uns lächerlich machen, wo nicht Unterstützung des Schlimmsten. Die Schriften, die die Gottheit Christi leugnen, sind kaum mehr zu zählen. Und was das traurigste ist, selbst die Theologie gibt sich zu diesem äußersten Schritt her, und gerade sie am meisten. Es möchte schwer sein, heute in Deutschland zehn akatholische Theologen von einigem Namen zu finden, die nicht offen Christus der Gottheit entkleiden. –
aus: Albert Maria Weiß, Die religiöse Gefahr, 1904, S. 130 – S. 133