Seinen Nächsten um der Gnade willen beneiden

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
IV. Von der Übertretung der Gebote oder von der Sünde
§ 2. Von den verschiedenen Gattungen der Sünde
2. Von den sünden wider den Heiligen Geist

Seinen Nächsten um der Gnade willen beneiden

Der Neid, von welchem hier die Rede ist, besteht nicht etwa in dem verlangen, dem Nächsten, den Gott mit Gnaden und himmlischen Gaben besonders reich bedacht hat, hierin gleich zu stehen. Auch das wäre ein Neid um der göttlichen Gnade willen, und unter Umständen ein sündhafter Neid. Allein der Neid, von dem wir hier sprechen, ist nach der Lehre des hl. Thomas von Aquin ein Widerwille gegen die Gnade selbst, insofern man nämlich ungern sieht, wie das Reich der Gnade sich auf Erden ausbreitet, und deshalb dieser Ausbreitung entgegen zu wirken sucht. Es ist dies so recht der Neid, wie der Teufel ihn hegt, und wie er ihn alleine denen einzuflößen sucht, deren Herz er völlig in Besitz genommen hat. – An Beispielen solcher Gesinnung ist die Geschichte aller christlichen Jahrhunderte reich; denn von Anfang an fand das Reich Christi auf Erden, das der Hl. Geist mittels seiner Gnade immer weiter zu entfalten und auszubreiten bestrebt war, erklärte Feinde und Verfolger. In unserer Zeit aber, wo die Feindseligkeit gegen das Christentum bis zum bewußten Gotteshaß fortgeschritten ist, mehren sich diese Beispiele in einem nie da gewesenen Maße. Für alles beansprucht man Freiheit, selbst für die gräulichsten Irrtümer und die schändlichsten Laster, die christliche Wahrheit und die christliche Tugend allein will man in Fesseln legen und ihr jede freie Bewegung unmöglich machen.

Quelle: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 2, 1912, S. 361